Die Technologiebranche hat ein neues Heilsversprechen gefunden. Nach Chatbots, die Texte simulieren, sollen nun Agentic AI-Systeme handeln, entscheiden und organisieren – effizienter, schneller und angeblich zuverlässiger als der Mensch. Hinter der Rhetorik von Produktivitätsgewinnen verbirgt sich jedoch eine unbequeme Wahrheit: Wir stehen kurz davor, zentrale Entscheidungen unseres digitalen Alltags an Systeme abzugeben, die wir weder wirklich kontrollieren noch rechtlich greifen können. Aber keine Sorge: Laut den gleichen Tech-Gurus, die uns schon die selbstfahrenden Autos versprochen haben, soll natürlich alles „vollkommen sicher“ sein.
Autonomie ist keine Funktion, sondern ein Machttransfer
Autonome KI-Agenten sind keine harmlosen Assistenten. Sie sind ein Machtinstrument. Wer ihnen Zugriff auf E-Mail-Konten, Zahlungssysteme oder Unternehmensdaten gibt, überträgt nicht nur Aufgaben, sondern Entscheidungsautorität. Die Branche spricht gerne von „Delegation“. Tatsächlich handelt es sich um Entmündigung auf Raten – zumindest aus meiner Sicht, wenn man beobachtet, wie Unternehmen diese Systeme bisher einsetzen.
Die Vorstellung, man könne diese Systeme durch Logs, Dashboards oder Notfallknöpfe im Griff behalten, ist naiv. Wenn ein Agent in Sekundenbruchteilen handelt, ist menschliche Aufsicht eine Illusion. Kontrolle findet – wenn überhaupt – erst statt, nachdem Geld bewegt, Daten verarbeitet oder Entscheidungen umgesetzt wurden. Autonome Systeme machen Fehler nicht sichtbarer, sondern schneller.
Die Blackbox ist kein Bug, sondern ein Geschäftsmodell
Besonders problematisch wird Agentic AI dort, wo Autonomie auf kommerzielle Interessen trifft. KI-Agenten stammen nicht aus neutralen Institutionen, sondern aus Unternehmen mit klaren Renditezielen. In vielen Anwendungsszenarien entscheiden Agenten, welche Informationen, Angebote oder Ressourcen priorisiert werden. Wer die Systeme betreibt, kann diese Priorisierungen gezielt beeinflussen – bewusst oder unbewusst – durch Provisionen, Partnerschaften oder interne Geschäftsziele. Das macht Agenten zu unsichtbaren Vermittlern, die im Zweifel nicht für den Nutzer, sondern für die Interessen ihres Betreibers handeln.
Regulierung im Rückspiegel
Der EU AI Act wird oft als Beweis dafür angeführt, dass „alles geregelt“ sei. Tatsächlich reguliert er vor allem die Vergangenheit. Das Gesetz denkt in klar abgrenzbaren Systemen, festen Zweckbindungen und überprüfbaren Outputs. Autonome Agenten sprengen dieses Raster.
Transparenzpflichten werden zur Bürokratie-Show, wenn niemand mehr nachvollziehen kann, welche Entscheidung wo getroffen wurde. „Human-in-the-loop“ verkommt zur juristischen Beruhigungspille, wenn Eingriffe erst möglich sind, nachdem irreversible Prozesse angestoßen wurden. Regulierung ohne Durchsetzbarkeit ist kein Schutz, sondern Selbsttäuschung.
Verantwortungslosigkeit als Systemdesign
Je autonomer ein Agent, desto diffuser die Haftung. Nutzer sollen verantwortlich sein, obwohl sie die Entscheidungslogik nicht kennen. Anbieter verweisen auf Modelle oder Drittanbieter. Modellhersteller auf die Anwendung. Am Ende bleibt der Schaden – und niemand, der ihn klar zu verantworten hat.
Diese Haftungsdiffusion ist kein Kollateralschaden, sondern ein systemischer Vorteil für Anbieter autonomer Systeme. Verantwortung zerfasert dort am effektivsten, wo Entscheidungen automatisiert, verteilt und beschleunigt werden.
Fazit: Effizienzversprechen gegen Freiheit
Agentic AI wird nicht eingeführt, weil sie sicherer, transparenter oder demokratischer ist, sondern weil sie Kosten senkt und Macht konzentriert. Die Frage ist daher nicht, ob autonome Agenten produktiver sind. Die Frage ist, wem sie dienen.
Wer heute leichtfertig die Schlüssel zu digitalen Identitäten, Konten und Infrastrukturen an autonome Systeme übergibt, tauscht Bequemlichkeit gegen Selbstbestimmung. Ohne harte technische Begrenzungen, klare Haftung und echte Interessenneutralität ist Agentic AI kein Fortschritt – sondern ein schleichender Kontrollverlust, verpackt als Innovation. Und wenn wir nicht genau hinschauen, merken wir erst zu spät, dass die vermeintliche Effizienz uns teuer zu stehen kommt.